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Erfahrungsbericht eines Chorleiters


Das Problem des fehlenden "Nachwuchses" ist wohl schon in vielen Chören und Gremien diskutiert worden. Nachfolgend der Erfahrungsbericht des jungen Chorleiters des MGV "Gemütlichkeit" Hollage, Jan Elster, Musikstudent aus Osnabrück. Er schreibt dazu in der Jubiläumsfestschrift zum 140sten Geburtstag des Chores diese kritischen Worte. Vielen Dank an Jan Elster und den MGV Hollage für die Genehmigung zum Abdruck.

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Herzlichst
Ihr Peter Elsen

Das ewige Nachwuchsproblem - hausgemacht?!


Die traditionellen Kirchenchöre in Deutschland haben zum überwiegenden Teil ein massives Nachwuchsproblem - kein Geheimnis und leidiges Dauerthema in Sängerkreisen, dankbares Sujet für Festredner zu Chorfeierlichkeiten. Deutlichste Symptome sind die drastisch schrumpfenden Mitgliederzahlen und die Überalterung der aktiven Sängerinnen und Sänger. Die Suche nach den Gründen fällt den chorsingenden Hobbysoziologen leicht: die Jugend singt nicht mehr, es werden zu Hause keine Schlaf- und Weihnachtslieder mehr gesungen, beim Wandern kein fröhlich Liedchen mehr geträllert (wandert überhaupt noch jemand?) und so weiter und so weiter. Schuld sind wahlweise die Medien, die Eltern, die Politiker, die Computerspiele, Gameboy und Co., das Handy, Alcopops und was weiß ich. Stimmt das denn wirklich? Ist Singen in Jugendkreisen out? Singen unsere Kinder und Jugendlichen nicht mehr? Ist der Chorgesang in Deutschland somit unweigerlich dem Untergang geweiht? Kurz ein paar Fakten zum Nachdenklich werden:
- Man kann über die Fernsehsendung "Deutschland sucht den Superstar" denken was man will, aber eins steht mal fest: da singen junge Menschen, live und in Farbe und locken damit Millionen Kinder und Jugendliche vor die Glotze - noch einmal: sie tun das singend!
- A Capella - Formationen wie "Wise Guys" oder "Die Fünf" füllen bei ihren Konzerten große Stadthallen, überwiegend mit jungen Menschen - auch sie tun das singend und zwar durch chorisches Singen!
- Schon mal bei einem Gospelworkshop gewesen? Da muss man in der Regel richtig drängeln um überhaupt einen Blick auf den Dirigenten werfen zu können vor lauter willigen jungen Sängerinnen und Sängern.
- Als Schulmusiker kann ich sagen: Schulchören mangelt es selten an Mitgliedern, obwohl die Teilnahme am Schulchor in der Regel in den freiwilligen AG-Bereich gehört. Auch im Musikunterricht wollen Schüler singen - so jedenfalls meine Erfahrung.

Die Auflistung solcher Tatsachen führt mich zumindest zu der Annahme, dass unsere Jugend sehr wohl Spaß am Singen und auch am Chorgesang hat.

Und nun? Was schlussfolgert man aus dieser Feststellung? Vorerst noch gar nichts, dem dicken Ende meiner Argumentation soll ein kurzer Bericht vom Kirchenmusiktag des Dekanats Vörden des Jahres 2006 vorangehen, frei nach dem Motto "Beobachte und Lerne". Ich gehe nur auf die weltliche Feier nach dem gemeinsamen Gottesdienst ein. Unkundigen sei das Ritual dieses Festes in einem Satz erklärt: 10 Kirchenchöre des Dekanats treffen sich einmal im Jahr zu einem gemeinsamen Gottesdienst, den sie musikalisch gestalten und anschließend gibt es ein Chorkonzert, in dem jeder Chor ein bis zwei Stücke präsentiert.

Die Aula des Schulzentrums in Bramsche wurde für den festlichen Anlass des Kirchenmusiktages zum Konzertsaal mit "Beköstigung am Tisch" umfunktioniert. An langen Tafeln warteten beim Eintreffen der Chöre bereits einige hundert Wurstbrote auf ihren Verzehr. Es dauerte nicht lange - die ersten Kornflaschen machten bereits die Runde - als ungewöhnlich beschwingte Klänge den Saal zu füllen begannen. Die Big-Band des Greselius Gymnasiums spielte bekannte Stücke der Jazz- und Popliteratur. In Rulle hatten wir im vergangenen Jahr noch die Freude, zu selbigem Anlass eine professionelle Blaskapelle in schicken Uniformen zu erleben, aber die Big Band war eine erfrischende Abwechslung zum Marschgedudel - auf 1 und 3 mitklatschen konnte man auch hier ohne Probleme, so dass die Stimmung im Saal schon vor dem ersten Chorauftritt stimmte.
Cäcilia Wallenhorst begann dann den Chorreigen mit Peter Brettners Volksliederfolge "Schöne weite Welt", die ganz zu recht auf der Homepage des Verlages als "Highlight" geführt wird. Zeitlose Stimmungsknüller wie "Nun ade Du mein lieb Heimatland" und "So scheiden wir mit Sang und Klang" reihten sich gekonnt dargeboten perlschnurartig aneinander, ein gelungener Auftakt durch und durch.
Mit "Auf, ihr Freunde, lasst uns singen" ging es mit Cäcilia Voltlage weiter - Stimmung pur, ein Fest für die Ohren. Dr. Josef Butz zeichnet sich verantwortlich für diesen Chorknaller der Extraklasse. Dem buntbetuchten Frauenchor Merzen fiel es trotz personeller Schwierigkeiten nicht schwer, diese musikalische Steilvorlage anzunehmen und das hohe Niveau aufrechtzuerhalten: "Lieder so schön wie der Norden" - mit Schifferklavier und Schunkelgarantie, da stimmte einfach alles.
Zum eigenen Chor möchte ich schweigen, das gebietet wohl der Anstand, nicht dass man mir später Parteilichkeit vorwerfen kann - nur kurz: vielen Dank für den reichen Applaus! Cäcilia Malgarten ging mir leider aufgrund akuter Bratwurstgelüste durch die Lappen, so dass ich erst den streng in schwarzem Anzug und Vereinskrawatte uniformierten MGV "Cäcilia" Rulle wieder erleben konnte. "Ein Lied geht um die Welt" der berühmte Filmschlager aus dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1933 - komponiert von Hans May - beeindruckte zutiefst und wurde noch getoppt durch die Darbietung des Superhits "Valencia" von José Padilla im Satz des Männerchoraltmeisters Otto Groll - der Saal sang kräftig mit und so stimmte auch der Applaus für stimmgewaltige Männerchorpower.
"Wenn Zigeuner Hochzeit machen" von Gus Anton - schon der Titel versprach Feuer und Ausgelassenheit - dargeboten von "Cäcilia" Neuenkirchen riss das Publikum fast von den Sitzen. Den Vogel schoss zum Ende allerdings "Cäcilia" Bramsche mit dem zeitlosen Schlager von Walter Kollo "Die Männer sind alle Verbrecher" ab - wir haben Tränen gelacht ob dieser von bissiger Ironie gegenüber den Verhaltensmustern geschätzter 50% der Erdbevölkerung nur so strotzenden Chormusik. Da war es dann auch schon vorbei das Sängerfest zu Bramsche - es wird mir unvergesslich bleiben.

Man verzeihe die unverhohlene Ironie und Bissigkeit des vorangegangen Berichts. Aber es macht mich unsäglich zornig wenn Chöre, die ein solches Chorfest mit einem solchen Programm veranstalten, sich allen Ernstes über Nachwuchsprobleme beschweren. Es fällt leicht, die Ursachen für das Aussterben der Kirchenchöre Medien, Eltern und Schulen in die Schuhe zu schieben - aber die sind nicht - oder nur zu einem geringen Teil - Schuld an der Misere. Es wird Zeit, dass jemand den Chören, ihren Vorständen und ihren musikalischen Leitern einmal den Spiegel vorhält. Das tue ich jetzt!
Glaubt ihr denn allen Ernstes, dass ein junger Mensch so um die Mitte zwanzig Lust hat auf "Wenn Zigeuner Hochzeit machen" oder "Lieder so schön wie der Norden"? Glaubt ihr allen Ernstes, dass sich junge Männer dafür begeistern können, aus voller Inbrunst alberne 60er Jahre Schlager im gnadenlos veralteten Otto-Groll-Stil zu schmettern? "Die Männer sind alle Verbrecher" - ich lach mich scheckig - Peter Alexander-Humor vom Feinsten. Ich will niemandem seine Musik die er liebt und Zeit seines Lebens gesungen hat madig machen, allerdings könnt ihr nicht erwarten, dass junge Menschen, die in einem komplett anderen Zeitgeist aufgewachsen sind, solch musikalische Altlasten singen mögen.
Apropos Zeitgeist! Du meine Güte: Schwarze Anzüge und Krawatten - da kriegt man als junger Mann eher Angst als Sangeslust - Singen und Uniformen sind einfach zwei Sachen, die nicht zusammen passen. Auf diesen ganzen "Cäcilias" und "MGVs" liegt eine dicke Schicht Patina, ein unsägliches Gemisch aus verkrusteter Traditionalität, lieb gewonnenen Marotten, Vereinsmeierei und musikalischem Stillstand seit ca. 1970, die einen dicken Panzer der Abschreckung bildet, die ein junger Mensch in meinem Alter kaum zu durchbrechen bereit ist - es lohnt die Mühe nicht.
Das Nachwuchsproblem ist hausgemacht! Wer sein Chorprogramm im Wesentlichen mit Stücken aus der Zeit kurz vor und kurz nach dem Krieg bestreitet, wer seine Übungsstunden mit der Diskussion ob nun die Vereinskrawatte getragen wird oder nicht verschwendet, wem Vereinshierarchien wichtiger sind als die Musik selbst, wem Bierseeligkeit und Sängerlikör wichtiger als gutes Einsingen sind, der braucht sich nicht wundern, wenn sein Chor überaltert.
Es bleiben nur zwei Alternativen: Ändert nichts, habt weiter euren Spaß mit Otto Groll und bunten Tüchern. Euer Niveau wird weiter sinken, die Sängerzahl weiter schrumpfen, was soll's, Doppelquartette können auch ganz nett sein.
Oder aber ihr packt es an: Als erstes tragt ihr den Notenschrank zum nächsten Osterfeuer. Weg mit dem alten Mist - von dem einen oder anderen Schätzchen vielleicht abgesehen. Es gibt zeitlose Musik, aber vieles darf zu recht vergessen werden. Als nächstes beschwert ihr euch bei eurem Chorleiter darüber, warum er euch nicht mindestens jede zweite Probe ein neues Stück mitbringt - und "neu" ist hier durchaus auch auf das Entstehungsdatum des Stückes gemünzt. Habt keine Scheu davor englische Lieder zu singen, übt die Stücke alter Meister in originalen Ausgaben, bemüht euch um chorische Stimmbildung, holt euch für ein oder zwei Übungsabende echte Gesangslehrer ins Haus, macht kollektiv einen Gospelworkshop mit, kurz: bewegt Euch! Alte Zöpfe gehören abgeschnitten, auch wenn man sie lieb gewonnen hat. Dann kommen die jungen Menschen von ganz allein, wenn sie merken wie es bei euch "abgeht".

Seid mir nicht böse - aber es ist die Wahrheit.
[Autor: Jan Elster]

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